Die Diskussion über Künstliche Intelligenz dreht sich oft um Chancen und Risiken für Lernende. Aber KI verändert auch den Arbeitsalltag von Lehrkräften massiv. In ihren Kommentaren beleuchten zwei Lehrkräfte, welche Herausforderungen der Einsatz von KI für Schule und Unterricht aus ihrer Sicht mit sich bringt.
„ChatGPT, schreib mir bitte eine Facharbeit!“
Ich muss gestehen: Ja, auch ich nutze KI – und dies sogar ziemlich oft. So wie inzwischen viele andere Menschen. KI kann ja auch wirklich praktisch sein und Ideen liefern, Texte verbessern und mir helfen, wenn ich gerade völlig auf dem Schlauch stehe. In solchen Situationen finde ich ChatGPT & Co. super.
Was mich allerdings im Zusammenhang mit KI in der Schule zunehmend zur Verzweiflung treibt, ist Folgendes: Der Moment, wenn ein*e Schüler*in mir einen Text vorlegt, der angeblich selbst geschrieben wurde, und in dem plötzlich Formulierungen auftauchen wie: „Die vorliegende Ausarbeitung intendiert eine multiperspektivische Analyse der zugrundeliegenden Problemstellung. Die Methode der Untersuchung beruht auf einem systemischen und langfristigen Ansatz.“
Interessant. Denn dieselbe Person hat in der Woche zuvor noch geschrieben: „Das hat damit zu tun das die Tiere sich anpassen.” Ohne Komma, ohne „dass“ – und nun geht es plötzlich um eine „multiperspektivische Analyse“ und einen „systemischen Ansatz“.
Da werde ich stutzig, und dies nicht, weil mir gute Leistungen suspekt wären. Im Gegenteil: Es ist wirklich schön, zu sehen, wenn jemand dazulernt und Dinge umsetzen kann, die zuvor noch schwerfielen.
Tatsächlich aber kennen Lehrer*innen meistens ziemlich genau die Art, wie ihre Schüler*innen schreiben. Wir wissen, wer kurze Sätze verwendet, wer verschachtelt schreibt und wer das Wort „halt“ siebzehnmal pro Seite einbaut. Und wenn dann plötzlich ein Text auf meinem Tisch landet, der klingt, als hätte ihn ein*e Universitätsprofessor*in verfasst, fällt das auf.
Unterhaltsam wird es, wenn man nachfragt: „Können Sie mir erklären, was Sie mit dieser Aussage meinen?“ Langes Schweigen.
S: „Welchen Absatz?“
L: „Den eigenen!“
Dann bemühe ich mich, Fassung zu wahren – auch wenn ich das Bedürfnis verspüre, meinen Kopf mehrfach auf die Tischplatte zu schlagen. Und ich frage mich, warum manche Schüler*innen glauben, sie könnten derart offensichtliche KI-Texte als eigene Leistung verkaufen.
Ich mag es überhaupt nicht, mich mit KI-Verdachtsfällen beschäftigen zu müssen. Viel lieber möchte ich Denkprozesse anstoßen und Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Ich möchte Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, Dinge zu verstehen, die ihnen zunächst noch schwerfallen. Was ich aber nicht möchte, ist das immer häufigere Vergleichen von Textpassagen, das Dokumentieren von Widersprüchen, um KI-Betrug mit investigativer Detailarbeit nachzuweisen.
Täuschungsversuche gab es schon immer – doch die immer stärkere Beanspruchung meiner Arbeitszeit durch investigative Tätigkeiten finde ich bedenklich. Denn je mehr Lehrkräfte zu Detektiven werden müssen, desto weniger können sie das tun, wofür sie eigentlich da sind: lehren, begleiten und Bildung ermöglichen.
(hl, 22.06.2026)
KI – Kein Individuum
Als Chat GPT vor drei Jahren online ging, überschlugen sich die Nachrichten angesichts dieser technologischen Revolution. Mein erster Gedanke damals war: „Dann können wir in der Schule jetzt vieles einpacken. Und das Seminarfach erst recht.“
Das Seminarfach wird in Niedersachsen im Schuljahr 2026/27 voraussichtlich zum letzten Mal an den Start gehen. Ansonsten gibt es Schule noch, mit Unterricht, Unterrichtsgesprächen und manchmal auch Hausaufgaben. Aber in der Tat hat sich Unterricht verändert. Ich weiß, dass sich Übersetzungen in eine Fremdsprache, Zusammenfassungen, Sachurteile zu Problemfragen in Sekundenschnelle mit der KI erstellen lassen. Was man dabei lernt, will ich hier gar nicht diskutieren. Was mich stört, ist, dass sich durch die technischen Möglichkeiten die Lern-Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen ändert. Immer öfter schleicht sich ein Generalverdacht ein.
Ich mache meinen Job, weil ich Menschen Wissen und Kompetenzen vermitteln möchte. Ich möchte Denkanstöße geben, Themen diskutieren und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten lassen. Mich interessieren Sichtweisen, Fragen, und ich verstehe es als meine Aufgabe zu helfen, Tipps zu geben, um Lernprozesse in Gang zu setzen oder zu unterstützen. Wem es zu lästig ist, Lernstoff zu trainieren, sein Hirn anzustrengen und aus Fehlern oder Irrtümern zu lernen, möge die KI bemühen. Aber dann bitte nicht erwarten, dass diese Texte gegengelesen und Feedback bzw. individuelle Hilfestellungen gegeben werden. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn eine Lehrkraft die Klausurnote von einer Maschine generieren lässt, anstatt sich mit Ihrer Arbeit und Ihren Gedanken auseinanderzusetzen?
Ich mache meinen Job, weil ich gerne mit Menschen arbeite. Weil ich Individuen etwas weitergeben möchte, was ich für wichtig erachte und ich mir selbst im Laufe meiner Berufs- und Lebenspraxis erarbeitet habe. Und weil ich anderen ähnliche Chancen eröffnen möchte. Das klappt mal besser und mal schlechter, aber auch dabei lerne ich.
Ich mache meinen Job, weil mir Themen UND Menschen wichtig sind. Das geht nicht ohne Beziehung, doch jede Beziehung braucht Vertrauen. Gerade dieses Vertrauen zerstört die KI. Von eigenen Denkprozessen ganz zu schweigen.
(us, 22.06.2026)