„Endlich geschafft“, geht es wohl den meisten Absolvent*innen der Gymnasien für Erwachsene durch den Kopf. Andere können noch nicht richtig glauben, dass sie jetzt wirklich ihr Ziel erreicht haben und fragen sich, warum die letzten zwei, drei oder vier Jahre so schnell vergangen sind. Alle 38 haben Grund zu jubeln, denn ihr Abschlusszeugnis ist der Türöffner für neue berufliche Wege. Und sieben haben es sogar mit einer Eins vor dem Komma geschafft.

Lale hält mit 28 ihr Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife in der Hand. Keinesfalls zu alt, um über einen neuen Berufsweg nachzudenken. Sie hat trotz FH-Reife und abgeschlossener Ausbildung mit Mitte 20 den Weg zum Hannover-Kolleg gefunden. Auch Cedrine und Kajo gaben ihre sicheren Ar-beitsplätze auf, weil sie sich nicht vorstellen konnten, noch viele Jahre als Personalkauffrau oder Zahntechniker tätig zu sein. Andere wollte nicht länger am Montageband stehen.

Bildungschancen hängen stark von der sozialen Herkunft ab

Bei den meisten Absolvent*innen war ein Studium vor Jahren noch kein realistisches Ziel, bei anderen die Frustration im Schulalltag so groß, dass eine Ausbildung erst einmal attraktiver erschien. Und teilweise stimmten die persönlichen Rahmenbedingungen einfach nicht. In vielen Familien sind sie die ersten, die das Abitur, den höchsten deutschen Schulabschluss, erworben haben. Immer noch hängen in Deutschland Bildungschancen leider stark von der sozialen Herkunft ab, wie es seit Jahren bemängelt wird und auch der „Nationale Bildungsbericht 2026“ feststellt. Er unterstreicht eine grundlegende strukturelle Benachteiligung: „Bildungsungleichheiten entstehen nicht erst in der Schule. Sie beginnen ab Geburt, verstärken sich bereits in den ersten Lebensjahren und setzen sich später entlang der gesamten Bildungskette fort,“ so der Bericht 2026.

Erfolg besteht nicht nur aus Noten

Schulleiter Udo Menski betont: „Lebenswege sind selten geradlinig. Und das ist auch gut so. Wirkliche Erfahrungen ließen sich so nicht machen.“ Viele, die mit 16 oder 17 Probleme mit Hausaufgaben und Motivation für den Lernstoff hatten, änderten ihre Einstellung ein paar Jahre später grundlegend. Und so wuchs bei allen Absolvent*innen der Wunsch, sich über die Rückkehr in die Schule letztlich neue Berufs- und Lebenschancen zu erschließen.
Natürlich war auch das kein Spaziergang, aber alle haben ihren Weg individuell gemeistert. Dilan vom Hannover-Kolleg erinnert sich als Vertreterin des Abi-Jahrgangs: „Viele von euch haben wirklich Leis-tungen erbracht, die ganz allein durch Fleiß und harte Arbeit nun auf dem Papier stehen. Aber vergessen wir bitte nicht, dass unser Erfolg nicht nur aus unseren Noten oder dem Zeugnis besteht. Er besteht aus all‘ den Momenten, in denen wir weitergemacht haben, obwohl wir müde waren und aus den Tagen, an denen wir an uns gezweifelt und trotzdem nicht aufgegeben haben. Doch mit den Freunden, die wir gewinnen konnten, schien es schlussendlich viel schwerer, einfach so aufzuhören.“

Harte Arbeit und BAfÖG , Zweifel und Freundschaften

Natürlich gab es bei einigen Zweifel, ob die Wahl des Leistungskurses die richtige war. Andere disku-tierten weiterhin lebhaft den Lerneffekt durch Hausaufgaben oder die Sinnhaftigkeit vorgeschriebener Abi-Themen. Allerdings war nicht immer das Lernen selbst ein Problem. Fast alle wohnen nicht mehr zuhause, müssen auf praktische Unterstützung durch Eltern verzichten, die eigene Wohnung bezahlen. Obwohl der Schulbesuch kostenlos ist, wäre die Schulzeit für die meisten ohne das elternunabhängige BAföG nicht finanzierbar gewesen. Darüber hinaus haben die meisten Schüler*innen einen Nebenjob oder sind – wie am Abendgymnasium – oft voll berufstätig. „Vor allem in Klausurenphasen fühlte sich das teilweise schwierig an, alles zu managen“, erinnert sich Cedrine. Die Kombination von Arbeit und Schule forderte allen viel ab. Zweifel am eingeschlagenen Weg gab es dennoch selten.
„Das Abitur auf dem Zweiten Bildungsweg zu machen, war für mich absolut sinnvoll, weil ich nun wusste, wer ich bin und was meine Ziele sind. Dadurch bin ich mit einer ganz anderen Motivation und viel mehr Disziplin an diese Herausforderung herangegangen“, berichtet Cedrine. Auch Lina betont, dass sie nie ans Aufhören gedacht habe, weil sie diese zweite Chance nutzen wollte. Dankbar war sie, genauso wie Kajo, dass Familie und Freunde sie in ihrem Beschluss bestärkten.

Mut für die nächsten Schritte

„Was zu Beginn wie ein dreijähriger Umweg erschien, hat sich letztlich als wertvolle Reise erwiesen“, sagt Lale nach vier Jahren am Hannover-Kolleg. Sie will Geodätin werden, Cedrine plant ein Jahr als Au pair, andere wollen Kunst, Psychologie, Lehramt studieren, zur Polizeiakademie gehen oder sich beim aktuellen Arbeitgeber nach besseren Positionen umsehen.
Vieles ist offen. Jetzt ist es wieder an der Zeit, neue Schritte zu gehen, manchmal wieder mit einem mulmigen Gefühl, wie zu Beginn ihrer Schulzeit an den Gymnasien für Erwachsene. Aber aus den Schulerfahrungen nehmen jetzt wertvolle Erfahrungen mit für ihre nächste Station. Dilan bringt es in ihrer Abschlussrede auf den Punkt: „Niemand von uns weiß genau, was die Zukunft bringt, aber sie verlangt auch nicht, dass wir perfekt sind. Sie verlangt nur, dass wir den Mut haben, den nächsten Schritt zu gehen. Es reicht, an uns selbst zu glauben und weiterzugehen – auch dann, wenn der Weg noch nicht sichtbar ist.“

Für diese neuen Wege wünschen die Lehrkräfte vom Hannover-Kolleg und Abendgymnasium Hannover allen Absolvent*innen alles, alles Gute.

(Scr, 29.06.2026)