Die meisten Möbel der Original-Einrichtung sind nicht mehr vorhanden. Fotos zeugen vom einstigen stilvollen Ambiente. Dennoch verströmt die Villa des Continental-Direktors Siegmund Seligmann (1853-1925) bis heute die großbürgerliche Atmosphäre des Kaiserreichs. Schüler*innen des 13. Jahrgangs vermittelte der Historiker Dr. Peter Schulze in der repräsentativen, mit dunklen Hölzern verkleideten Empfangshalle des Gebäudes einen Überblick über Seligmanns Leben und Werk, aber auch über jüdisches Leben und Antisemitismus in Hannover.

„Jüdisches Leben in Deutschland im langen 19. Jahrhundert“ heißt ein Themenblock im Geschichtsabitur 2027. Dabei gab es DAS jüdische Leben in Hannover ebenso wenig wie DAS deutsche Leben im Kaiserreich, betont Schulze, Experte für jüdische Lokalgeschichte. Siegmund Seligmann ist ein Beispiel, wie der Einsatz für den wirtschaftlichen Aufschwung eines Unternehmens und das Engagement für die Stadtgesellschaft dauerhaft Spuren hinterlässt, ganz unabhängig von religiösen Überzeugungen.

Ein anerkanntes Mitglied der Stadtgesellschaft

Seligmann war Jude, ließ sich aber auf dem Stadtfriedhof Engesohde beisetzen. Er identifizierte sich mit seiner Arbeit für die Continental AG, machte sie in den 1920er Jahren zum größten Produktionsunternehmen in Hannover. Sei es wegen seiner Position, sei es wegen seines inneren Antriebs: Seligmann arbeitete auch am Sabbat. Gut bekannt mit dem hannoverschen Stadtbaurat Tramm gehörte er ohne Zweifel zur höheren und nationalkonservativen Stadtgesellschaft. Für den Treppenaufgang im Neuen Rathaus stiftete er Standbilder Kaiser Wilhelms I. und Wilhelms II. (Die Ironie der Geschichte: Die Nationalsozialisten ließen beide Statuen während des Zweiten Weltkriegs für ihre Waffenproduktion einschmelzen.)

Judenfeindlichkeit als sozialpsychologisches Muster

Dennoch dürften auch Seligmann, seit 1923 Ehrenbürger der Stadt, die Diskriminierung jüdischer Menschen und der aufkommende Antisemitismus nicht verborgen geblieben sein. Plakate oder Berichte dokumentieren antisemitische Anfeindungen auch in Hannover. Bereits um die Jahrhundertwende wird dies öffentlich angesprochen. „Man duldet die Juden, das ist alles. Sie leben für sich in einem unsichtbaren Ghetto. […] (Es gibt) kein jüdisches Rats-Mitglied, keinen jüdischen Bürger-Vorsteher, […] keinen jüdischen Richter, keinen jüdischen Realschul- oder Gymnasiallehrer“, berichtet die Allgemeine Zeitung des Judentums bereits 1897 aus Hannover. Sei es der Wohnungsmangel oder das Misstrauen gegenüber Bankgeschäften – „die Juden“ gelten getreu einem sozialpsychologischen Muster auch nach der Revolution 1918 in der Weimarer Republik als Verursacher vieler Alltagsprobleme.

Siegmund Seligmann starb 1925, erlebte den Aufstieg des Nationalsozialismus nicht mehr. Sein einziger Sohn Edgar (1884 – 1939) trat bereits als junger Mann zum Protestantismus über. Bei der Continental AG folgte er allerdings dem Vorbild seines Vaters. Als Jurist wurde er Vorstandsmitglied, bis er diesen Posten 1933 nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten aufgeben musste.
Der Übertritt zum Christentum schütze Edgar ebenso wenig vor Verfolgung wie die Schenkung der Villa Seligmann an die Stadt Hannover, die seine Mutter bereits 1931 veranlasst hatte, bevor sie in die Schweiz umzog. Edgar wurde von den Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Buchenwald interniert. An den Folgen der Misshandlung dort starb er sechs Monate später in der Schweiz, wohin er sich nach Zahlung der „Reichsfluchtsteuer” in Höhe von 800.000 Mark geflüchtet hatte.

Vielfältiges kulturelles Leben in der Villa

Das beeindruckende Gebäude in der Hohenzollernstraße, nahe der Eilenriede, wurde im Inneren aufwändig restauriert. Heute ist es ein Haus für jüdische Kultur und Musik sowie Sitz der Seligmann-Stiftung.

Mit Aufführungen zu jüdischer Musik und Kultur, Ausstellungen, Vortragsreihen oder Hausführungen ist wieder Leben in die Villa eingekehrt, ganz im Sinne Siegmund Seligmanns. Doch auch die Schattenseiten der Geschichte wie die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus sollen nicht in Vergessenheit geraten. Parallel informieren daher wechselnde Ausstellungen über Facetten jüdischer Geschichte, aktuell zum Beispiel über den Bau und die Zerstörung der hannoverschen Synagoge.

Auf dem Foto der Stadttafel, das 2025 zum hundertsten Todestag Seligmanns vor der Villa errichtet wurde, steht Siegmund mit seiner Frau Johanna stolz im Garten der Villa, blickt lächelnd in die Kamera. Die heutigen Aktivitäten in seinem Wohnhaus würden ihm sicherlich ein ähnlich zufriedenes Lächeln entlocken.

> Webseite der Villa Seligmann

(Scr, 8.9.2026)