Die E-Phase des Hannover-Kollegs besuchte im Januar die Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg. Sie ist das zweitkleinste, aber eines der am besten erhaltenen ehemaligen Bezirksgefängnisse der Staatssicherheit. Das Gespräch mit dem Zeitzeugen Wolfgang Bischoff und die im Originalzustand erhaltenen Gefängniszellen vermittelten einen einprägsamen Einblick in die staatliche Willkür und die Haftbedingungen während der SED-Diktatur.

Wer am Magdeburger Moritzplatz durch das graue eiserne Tor in den Innenhof des dreistöckigen roten Backsteinhauses gefahren wurde, zur „Klärung eines Sachverhaltes“, konnte sich die Folgen in der Regel nicht vorstellen. Wo selbst Sonnenlicht und grüne Baumkronen ausgesperrt bleiben, wo kaum Kontakt zu Menschen und maximal eine halbe Stunde Frischluft pro Tag möglich ist, wo selbst die Schlaf- und Sitzhaltung vorgeschrieben wird, da herrscht die Willkür der Staatssicherheit. Die Stasi – eine „Meisterin der operativen Psychologie“.

Plötzlich verschwunden

Wolfgang Bischoff wurde in den siebziger Jahren Opfer des Unrechtsregimes. Sein Vater Ernst Bischoff geriet bereits zwanzig Jahre zuvor in die Fänge der sowjetischen Geheimpolizei. Das Schicksal seines Vaters ließ sich allerdings erst nach der Wiedervereinigung aufklären.
Wolfgang Bichoff, Kind eines Arbeiters und SED-Mitglieds, ist fünf Jahre, als sein Vater eines Abends auf dem Rückweg von einer Gaststätte auf offener Straße festgenommen wird. Bischoffs Mutter erfährt von einem sowjetischen Offizier nur, dass er als Arbeiter im Uranbergbau der Spionage für den britischen Geheimdienst beschuldig werde. Sie muss Stillschweigen versprechen, informiert nur ihre Kinder und Schwiegereltern. Die Spur ihres Ehemannes verliert sich damit. Sie bekommt nie wieder ein Lebenszeichen.1957 lässt sie ihn für Tod erklären. So erhalten die Kinder wenigstens eine Halbwaisenrente.

Sitzstreik nach der Verhaftung eines Mitschülers

Wolfgang Bischoff wächst ohne Vater auf. Er ist zwar kein FDJ-Mitglied, läuft insgesamt dennoch „unauffällig“ mit, bis in den Sommerferien 1961 die Berliner Mauer gebaut wird. Ein Freund und Klassenkamerad wird verhaftet, weil er „Westfernsehen“ geschaut habe. Die Klasse organisiert einen Sitzstreik im Schulgebäude, fordert die Freilassung des Kameraden. Doch die Androhung von Sanktionen auf einem Elternabend, der Druck der Stasi und der Lehrkräfte zeigen Wirkung. Bischoff bleibt als einziger standhaft, aus Gerechtigkeitssinn, vielleicht auch kombiniert mit „spätpubertärem Starrsinn“, wie er mehr als fünfzig Jahre später ironisch kommentiert.
Das Abitur bleibt ihm daher verwehrt. Aber er findet eine Anstellung am Kulturhistorischen Museum Magdeburg. 1973 wird er selbst Vater. Die Schikanen am Arbeitsplatz gegen ihn als Nicht-SED-Mitglied verstärken sich. Standhaft weigert er sich, sich zu „einer sozialistischen Persönlichkeit“ zu entwickeln und alles unkommentiert abzunicken. Und Bischoff erkennt, dass seine Tochter „bei diesem Vater in der DDR keine Chance“ haben würde. Er stellt einen Ausreiseantrag.

Haft statt Ausreise

Während der erste als „nicht ausreichend begründet“ abgelehnt wird, ist der zweite offensichtlich zu genau begründet, denn er wird diesmal als „staatsfeindliche Hetze“ abgelehnt. Als zwei Zeitungen in der Bunderepublik am Tag der Menschenrechte über seinen Fall informieren, erfolgt die staatliche Reaktion. Er wird „zur Klärung eines Sachverhalts“ in das Gefängnis am Moritzplatz gefahren. Statt der Ausreise in die BRD erfolgt die Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe. „Zwei Jahre Haft, nur weil man umziehen wollte,“ resümiert Bischoff. Erst als eineinhalb Jahre später der Freikauf durch die Bunderepublik besiegelt ist, sieht er in der Haftanstalt Cottbus zum ersten Mal, dass es für den Ausreiseantrag sogar ein offizielles Formular gibt.
Er wird freigekauft, zieht nach Bonn, und auch seine Familie darf nachkommen. Die Heimatstadt Magdeburg vergisst er jedoch nicht und kehrt nach der Wiedervereinigung zurück. Das Schicksal seines Vaters beschäftigt ihn auch vierzig Jahre nach dessen Verschwinden. Er stellt Nachforschungen an, schaltet die deutsche Botschaft in Moskau ein. 1995 erhält er über sie eine offizielle Rehabilitationsurkunde des Obersten Militärstaatsanwalts. Sein Vater war kein britischer Spion. Er wurde fälschlicher Weise im Mai 1951 zum Tode verurteilt und am 24. Juli 1951 in Moskau hingerichtet.

Eine Familie, ein Datum

Der Todestag seines Vaters ist der Tag, an dem Wolfgang Bischoff seinen sechsten Geburtstag feierte. Und es ist der neunte Hochzeitstag seiner Eltern. Eine Familie, ein Datum – zwischen Hoffnung und Angst, Freude und Verzweiflung, Anfang und Ende.
Die offiziell als „nicht abgeholt“ deklarierte Asche von Ernst Bischoff wurde auf dem Moskauer Friedhof Donskoje in ein Massengrab gestreut, wie die von rund 1100 erschossenen Deutschen während des stalinistischen Terrors. Wolfgang Bischoff hat sich dort mehr als vierzig Jahre nach der Hinrichtung von seinem Vater verabschieden können, mit Sand vom Magdeburger Elbstrand.

(Scr, 19.01.2026)